Der Naturalismus


Der Naturalismus

 

 

Der deutsche Naturalismus stützte sich auf die bereits wesentlich weiter fortgeschrittene naturalistische Entwicklung in anderen europäischen Ländern, v.a. in Frankreich (Émile ZOLA) und Norwegen (Henrik IBSEN). Zentren des Naturalismus im deutschen Sprachraum waren Berlin und München.

Auch bei den Vertretern dieser Richtung gibt es keine hundertprozentige Einheitlichkeit. So findet man z.B. bei Gerhart HAUPTMANN neben naturalistischen auch symbolistische Texte. Die meisten Naturalisten standen dem Sozialismus nahe und lehnten die bestehende Gesellschaftsordnung und das Bürgertum ab.

Die genaue Erfassung der Wirklichkeit verlangte entsprechende schriftstellerische Techniken. Da sich der Dichter mehr und mehr der Deutung enthielt, wurde seine Leistung zur wissenschaftlichen, vorurteilslosen Beobachtung. Intuition, Inspiration waren verpönt, ebenso der Begriff Genie. Die Darstellungsmittel wurden verfeinert.

Die naturalistische Lyrik wählte als Themen: die Großstadt mit ihren Fabriken, schmutzigen Straßen und Hinterhäusern, die Proletarier und die Ausgestoßenen der Gesellschaft (wie Bettler und Dirnen), das Hässliche, Krankhafte und Gemeine. Weitgehend verzichtete man auf den Reim, gab das Strophenschema auf und ersetzte die poetisch erhöhte Sprache durch die des Alltags: grammatikalische Fehler, abgebrochene Sätze sollten die Natürlichkeit erhöhen. Der Vers wurde als unnatürlich abgelehnt.

Der naturalistische Roman knüpfte an ausländische Vorbilder, besonders an Émile ZOLA an und wurde die weitaus beliebteste Dichtungsform. Da auch die erzählende Trivialliteratur, die bloße Unterhaltungsliteratur, den neuen Stil übernahm, wurde der deutsche Büchermarkt damals jährlich mit einer reichen Fülle von naturalistischen Romanen überschwemmt. Im Mittelpunkt ihrer Darstellung stand die genaue Milieuschilderung. Es entstanden soziale Großstadt- und Proletarierromane, Frauenromane, Zeit-, Gesellschafts- und Berufsromane.

Der Durchschnittsmensch, der das Produkt seines Milieus und seiner Erbanlagen ist, löst den traditionellen „Helden“ ab, ist aber mit seinem unentschlossenen und schwankenden Charakter ein passiver, halber Held, der weniger selbst handelt, als dass er von anderen bestimmt wird.

Um den Forderungen nach Natürlichkeit Rechnung zu tragen, wurde dem Gefühls- und Seelenleben breiter Raum gewidmet. Man scheute sich allerdings nicht, die Abhängigkeit von den Trieben, ja selbst das Perverse, darzustellen. Da Unschönes und Unsittliches ebenfalls Teil der Natur sind, wurden diese Bereiche mit einbezogen, was allerdings massive Kritik hervorrief. Mitunter kam es zu einer einseitigen Bevorzugung des Hässlichen. Je trister das Milieu war, desto interessanter wurde es.

Die Naturalisten entwickelten keine neue Dramenform. Das naturalistische Drama bemühte sich noch, die aristotelische Struktur weitgehend beizubehalten. Es wurde versucht, die Forderungen nach den Einheiten des Ortes, der Zeit und der Handlung einzuhalten. Neu waren Inhalt und Sprache.

Der Durchbruch des naturalistischen Dramas in Deutschland ist verbunden mit der Gründung der „Freien Bühne“ (1889), der Freien Volksbühne und der Volksbühne in Berlin. In München entstand etwas später die Münchener Volksbühne.

Lyrik

1) Pathos, Schönheitsdrang, Mystik ausgeschlossen.
2) Verwandte sie Motive aus der Technik und erfaßte erstmals Großstadt und Großstadtmenschen.
3) Formal blib sie zunächst traditionell, knüpfte vor allem an die des Vormärz an.
4) “die Form und die Sprache der Gedichte bleiben aber epigonal.” (Sorensen)

Holz wollte auf “jede Musik durch Worte als Selbstzweck” verzichten, wollte weder Reim noch Strophen noch freie Rhythmen, sondern notwendige Rhythmen, die vom Stoff her sich der Prosa nähern mußten.
Diese Thesen – Revolution der Lyrik (1899) fanden erst im Expressionismus Widerhall.

Roman

Der Durchbruch des Naturalismus erfolgte zunächst auf diesem Gebiet. “Trotz zahlreicher Ansätze ist es den deutschen Naturalisten nicht gelungen, den ersehnten zeitgemäßen Großstadtroman von Rang zu schreiben.” (Sorensen)
Von entscheidendem Einfluß ZOLAs Theorie Le Roman expérimental. Aufgabe des Dichters: “alle Ereignisse auf den erfahrungsgemäß richtigen Beweggrund zurückzuführen”. (Zola)

♥  Der frühnaturalistische Roman:

war nur in seinen sozialkritischen Themen, in seiner Betonung psychologisch-
pathologischer Züge und in der Wiedergabe des Details naturalistisch, während Sprache, Stilmittel und manche Einzelmotive noch eine Verwandtschaft mit dem jungdeutschen Roman zeigten. Erst in den Skizzen von HOLZ und SCHLAF herrschte Einheit von Stoff und Form. (z.B. Papa Hamlet – unter dem norwegischen Pseudonym BJARNE P. HOLMSEN veröffentlicht.

Psychologischer Roman:

Stand an erster Stelle.

Bohemien-Roman:

nach skandinavischen Muster schuf man diesen, der die Gesellschaftskritik aus der Sicht des Literaten und Künstlers ansetzte. Bei HOLZ und SCHLAF (in den Skizzen) ? brutal illusionslose Darstellung der Künstler- und Boheme-Existenzen.

Andere Prosa-Werke
Erzählungen, Skizzen, Studien, Naturschilderungen – alle Formen, die Stimmung und Milieu darstellen.

Münchner Naturalismus

Michael Georg CONRAD (1846-1927) wurde 1846 in Gnodstadt in Unterfranken als Sohn eines Landwirtes geboren. Nach der Matura besuchte er zuerst das Lehrerseminar in Altdorf bei Nürnberg und widmete sich auch den Studien der Philosophie und der Sprachwissenschaft (an den Universitäten von Genf, Neapel und Paris). 1868 schloss er sein Studium ab und wurde Lehrer in Genf. 1870 wurde er dort in die Freimaurerloge L’union des coeurs aufgenommen. Von 1871 bis 1878 unterrichtete er in Italien. 1878-1883 war er Dozent am Institut Polyglotte in Paris. 1883 war er hauptsächlich für das Pariser Büro der Frankfurter Zeitung tätig. 1883 übersiedelte CONRAD nach München, wo er als Literaturkritiker und Herausgeber der Zeitschrift Die Gesellschaft eine zentrale Figur des Naturalismus in Deutschland wurde. Anfang 1885 gründete er zusammen mit Karl BLEIBTREU (1859-1928) die Literaturzeitschrift Die Gesellschaft, die zum Hauptorgan des “Münchner Naturalismus” wurde. Bis 1893 war er Herausgeber der Zeitschrift.

Berliner Naturalismus

Carl August BLEIBTREU (1859-1928), der 1859 als Sohn des Schlachtenmalers Georg Bleibtreu in Berlin geboren wurde, bracht 1884 sein Studium in Berlin ab. Er war mit Michael Georg CONRAD befreundet, der ab 1895 die Literaturzeitschrift Die Gesellschaft herausgab. Von 1898 bis 1890 war BLEIBTREU der Herausgeber. 1890 gründete er gemeinsam mit CONRAD und Konrad ALBERTI (1862-1918) die Deutsche Bühne, die als Konkurrenz zur Freien Bühne Berlin geplant war, die aber nicht lange Bestand hatte. 1908 übersiedelte BLEIBTREU nach Zürich. Er starb 1928 in Locarno. Literarisches Vorbild für die programmatische Schrift Revolution der Literatur (1886) war Émile ZOLA. Mit diesem Text wurde BLEIBTREU berühmt. Er bezeichnete den Realismus als das wichtigste Merkmal der neuen Literatur, deren Hauptaufgabe es seiner Meinung nach war, das Leben möglichst realitätsnah darzustellen. Sein Weltbild war geprägt von Nationalismus und pessimistischem Weltschmerz.

Heinrich HART (1855-1906) wurde 1855 in Wesel geboren. Er besuchte gemeinsam mit seinem Bruder Julius HART (1859-1930) das Gymnasium Paulinum in Münster. Schon während der Schulzeit waren beide Brüder publizistisch tätig. Sie gaben die Schülerzeitschrift Herz und Geist heraus. Heinrich maturierte 1874, sein Bruder Julius 1877. Anschließend gingen beide nach Berlin. Anfangs zwang sie Geldmangel, wieder nach Münster zurückzukehren, wo sie die Deutschen Monatsblätter (1878/79) herausgaben. Schließlich gingen sie 1881 aber doch wieder nach Berlin, wo sie sich der naturalistischen Bewegung anschlossen und mehrere – meist kurzlebige – Zeitschriften herausgaben. Außerdem
schrieben sie eigene Texte. Zahlreiche Gedichte wurden 1884/85 in der Anthologie Moderne Dichter-Charaktere veröffentlicht.

Die Familientragödie Michael Kramer (1900) schildert einen tragisch endenden Vater-Sohn-Konflikt. HAUPTMANN nimmt hier die Kunstmittel seiner naturalistischen Frühzeit noch einmal auf. Im Mittelpunkt der Handlung stehen der Maler und Akademieprofessor Michael Kramer und sein wesentlich höher begabter Sohn Arnold. Vater und Sohn haben gegensätzliche künstlerische Auffassungen: Michael Kramer kann und will mit der Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen. Sein talentierter, außerhalb aller sozialen Bindungen stehender Sohn Arnold hingegen, wird für die Umwelt zur Zielscheibe des Spottes und kann sich gegen gesellschaftliche Konventionen nur wehren, indem er sie karikiert. Michael Kramer verkennt das Talent seines Sohnes, der ihm innerlich fernstehet. Wegen seiner unerfüllten Liebe zu der Wirtstochter Liese Bänsch ist Arnold massivem Spott ausgesetzt und nimmt sich das Leben. Der erschütterte Vater verteidigt in einer großen Totenrede die Künstlerwürde seines Sohnes. Die Tragikomödie Der rote Hahn (1901) ist im gleichen Milieu angesiedelt wie Der Biberpelz (1893). Im Vergleich zum Biberpelz treten hier aber die lustspielhaften Elemente zugunsten einer schärferen Kritik zurück. Mutter Wolffen wurde Witwe und hat wieder geheiratet. Sie heißt nun Fielitz. Sie ist keine urwüchsige Proletarierin mehr, sondern eine Kleinbürgerin. Ihre Aufsteigermentalität macht vor nichts halt – und erneut wird sie für ihren Betrug nicht bestraft. Mutter Wolffen ist verwitwet und hat den „Schuhmachermeister und Polizeispion“ Fielitz geheiratet. Die Tochter Adelheid hat sie mit dem Baumeister Schmarowski verheiratet. Die zweite Tochter, Leontine, hat zwar ein uneheliches Kind, aber Frau Fielitz hat schon einen Mann für sie im Auge – auch wenn dieser im Moment noch verheiratet ist.

Das eigene Haus ist Frau Fielitz zu klein. Im Dorf sind in letzter Zeit mehrere Häuser abgebrannt, und die „untröstlichen“ Besitzer haben beachtliche Versicherungssummen kassiert. Während das Ehepaar Fielitz in Berlin Besorgungen erledigt, brennt ihr Haus bis auf die Grundmauern nieder. Der Schmiede- und Spritzenmeister Langheinrich kann nur mehr den Totalschaden feststellen. Allerdings verschweigt er, dass er ein Stück Zündschnur gefunden hat. Der Verdacht fällt auf Gustav, der geistig behinderte Sohn des pensionierten Gendarmen Rauchhaupt. Der Gendarm will das nicht auf seinem Sohn, der in eine Anstalt gesperrt wird, sitzen lassen, kann aber nichts beweisen. Schmarowski kann einen großzügigen Neubau entwerfen, dessen Fertigstellung Frau Fielitz allerdings nicht mehr erlebt. Der aktuelle Anlass für HAUPTMANN, das soziale Drama Rose Bernd (1903) zu schreiben, war ein Gerichtsverfahren in Hirschberg gegen eine des Meineids und Kindesmords angeklagte Landarbeiterin.

Das Märchendrama Hanneles Himmelfahrt. Traumdichtung (1894) ist die Geschichte vom Sterben eines Kindes, das in seinem letzten Stunden auf sein kurzes Leben zurückblickt. Hier vermischt HAUPTMANN naturalistische Elemente (das elende Leben im Armenhaus) mit jenen der Romantik und des Symbolismus. Das von seinem trunksüchtigen, verkommenen Stiefvater misshandelte Arbeiterkind Hannele Matern springt in einer Winternacht in den Teich eines schlesischen Bergdorfes, wird gerettet und ins Armenhaus gebracht. Im Fieberdelirium träumt Hannele von ihrem Tod und Begräbnis.