Gattungen und Typen des Dramas


 

 

Bürgerliches Trauerspiel

 

 

Das bürgerliche Trauerspiel ist während der Aufklärung entstanden. In ihm sollen keine Typen mehr Handlungsträger sein, sondern Individuen. Neben JOHANN GOTTLOB BENJAMIN PFEIL (1732–1800) ist es vor allem GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, der dieses Genre auf das deutsche Theater bringt. Dazu sagt LESSING in der Hamburgischen Dramaturgie (Vierzehntes Stück):

 

„Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle
wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.“

 

 

Historisches Drama

 

 

Ein historisches Drama ist ein Drama mit historischer Stoffwahl, wobei unter historischer Stoffwahl im Allgemeinen ein Stoff verstanden wird, der einer Zeit vor der Geburt des Verfassers entstammt. Einige heute als historische Dramen bezeichnete Schauspiele sind in Wirklichkeit zeitgenössische. „Des Teufels General“ (1946) von CARL ZUCKMAYER thematisiert Vorgänge während der NS-Zeit zwischen 1933 und 1945. Der Autor lebte zwischen 1896 und 1977, kannte die Zeit aus eigener Anschauung.

 

 

Lyrisches Drama

 

 

Der Begriff lyrisches Drama hat in der deutschen Theatergeschichte zwei Bedeutungen: Einerseits sind lyrische Dramen im 18. Jahrhundert Textvorlagen für die Vertonung, dienen also als Grundlage für eine Oper oder ein Singspiel mit melodramatischen Themen, die das Gefühl stark in den Vordergrund stellen, so z. B. GOETHEs „Proserpina“
Andererseits versteht man unter der Bezeichnung lyrisches Drama ein sehr handlungsarmes Schauspiel, das sich durch eine lyrisch-stilisierte Sprache auszeichnet und meist durch den Monolog einer Hauptperson tiefe Einblicke in seelische Zustände ermöglicht. Einer der Hauptvertreter im 18. Jahrhundert war KLOPSTOCK. Um 1900 gilt HOFMANNSTHAL als der lyrische Dramatiker schlechthin.

 

 

Soziales Drama

 

 

Bereits in den frühen Formen der Komödie und im Trauerspiel des 18. Jahrhunderts wurden gesellschaftliche Verhältnisse der niederen sozialen Schichten behandelt. Als soziales Drama im eigentlichen Sinne bezeichnet man das Drama, das in engem Zusammenhang mit der sozialen Frage in der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts steht, vor allem das Mitleidsdrama des Naturalismus. Die Grenze zur sozialistischen Dramatik nach der Jahrhundertwende ist fließend.

 

 

Naturalistisches Drama

 

 

Naturalistische Dramen (1890–1905/1910) bzw. Dramentheorien schrieben In Deutschland war GERHART HAUPTMANN („Die Weber“, 1892) der Hauptvertreter des naturalistischen Dramas.Seine Vertreter wollten exakte Wiedergabe der Wirklichkeit erreichen.Mit naturwissenschaftlichem Blick wollte man eine Analyse der sozialen Situation der Menschen leisten. Die Darstellung des Elends der ausgebeuteten Schichten steht deshalb oft im Mittelpunkt. Alkoholprobleme, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit werden thematisiert. Es ging den Naturalisten um möglichst
detailgetreue Milieuschilderung und Wahrscheinlichkeit des Geschehens. Häufig genutzt wurde das Drama der geschlossenen Form.

 

 

Lehrstück

 

 

Theoretisch fundiert und auch in der Bühnenpraxis erfolgreich wurde das Lehrstück vor allem durch die theaterpraktische Arbeit BRECHTs (episches Theater). „Das Lehrstück lehrt dadurch, dass es gespielt wird, nicht dadurch, dass es gesehen wird. Prinzipiell ist für das Lehrstück kein Zuschauer nötig“ (Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 17, S. 1024). Es sollte politisches Denken und Verhalten eingeübt werden. Die Entwicklung des Lehrstück steht in engem Zusammenhang mit den sozialistischen Versuchen zum Aufbau eines eigenen Arbeitertheaters.

 

 

Das epische Theater

 

 

Es ist ein Theater des „wissenschaftlichen Zeitalters“.
Es setzt auf kritisches Mitdenken statt „Einfühlen“.
Einzelszenen werden montiert.
Verfremdungseffekte durch
– Songs,
– Kommentare,
– Texte,
– Aufnahme von Projektionen,
– sparsamen Umgang mit Requisiten,
– Ansprache des Zuschauers durch die Schauspieler.
Der Schauspieler fühlt sich nicht in seine Rolle ein, sondern spielt distanziert.Damit wird auf Erkenntnisgewinn gesetzt.
Es wird an die Vernunft, an den Verstand des Zuschauers appelliert.
Der Zuschauer soll bekannte Vorgänge hinterfragen, wodurch er auf

Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse orientiert wird. BRECHTs Theaterkonzeption wendet sich gegen die auf ARISTOTELES zurückgehende grundlegende Unterscheidung zwischen dramatischer und epischer Form. Er stellt eine langsame Verwischung der Gattungsgrenzen fest, die sich auch immer stärker in der Dramatik bemerkbar machen. BRECHT beschreibt diese Grenzverwischung als inhaltlich motiviert und notwendig. Denn „die wichtigsten Vorgänge unter Menschen (können) nicht mehr so einfach dargestellt werden“, weil es in einer immer unübersichtlicher und komplexer werdenden Welt nicht mehr ausreicht, die Handlung eines Einzelnen auf die Bühne zu bringen. Die
einfache Darstellung von handelnden Personen lässt die Gesellschaft mit ihren spezifischen Gesetzen nicht mehr transparent werden.
Der Zuschauer soll erkennen, dass es auch einen anderen Handlungsverlauf als den dargestellten geben könnte.

 

 

Das postdramatische Theater

 

 

(nach HANS-THIES LEHMANN) als nichtaristotelisches Theater seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts weist darüber hinaus Eigenarten auf, die u. a. gekennzeichnet sind durch:

ihren Diskussionscharakter;
das Drama an sich wird als eigenständiges Kunstwerk angesehen im Gegensatz zum illustrierenden Charakter eines dramatischen Kunstwerkes;
konkretes Theater;
es gibt keine mimetische Handlung;
die Handlung wird als Jetztzeit und jetzige Realität empfunden;
Theater als sinnliche Erfahrung;
Gleichbehandlung aller theatralischer Mittel (Montage, Lichteffekte, Geräusche,

Mimik, Gestik, Sprechen etc.) und Simultanität der Vorgänge. Der Begriff des postdramatischen Theaters ist in der Literatur- und Theaterwissenschaft umstritten. Seine Vertreter (nach HANS-THIES LEHMANN) sind sowohl Theaterregisseure wie Chroeographen und Dramatiker.

 

 

Dokumentartheater

 

 

Das Dokumentartheater steht in der Tradition BRECHTs und des epischen Theaters. Seine Vertreter bringen historisch-authentische Szenen oder Quellen auf die Bühne. Beispiele für dokumentarisches Theater sind „Der Stellvertreter“ (1963) von ROLF HOCHHUTH, HEINAR KIPPHARDTs „Bruder Eichmann“ (1983) und „In der Sache J.Robert Oppenheimer“ (1963–1964) sowie „Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen“
(1965) von PETER WEISS. „Die Ermittlung“ versucht den Auschwitz-Prozess (1963–1965) szenisch darzustellen. WEISS wählte aus den Aussagen der 18 Angeklagten (Angehörige des Aufsichts-,Sanitäts- und Wachpersonals von Auschwitz) und der 300 Zeugen Quellen aus, die er dann für sein Stück verwendete.