Johann Wolfgang von Goethe, 1774

Da hatt‘ ich einen Kerl zu Gast,

Er war mir eben nicht zur Last,

Ich hatt‘ just mein gewöhnlich Essen.

Hat sich der Mensch pumpsatt gefressen;

Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt‘.

Und kaum ist mir der Kerl so satt,

Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,

Über mein Essen zu räsonieren:

Die Supp‘ hätt‘ können gewürzter sein,

Der Braten brauner, firner der Wein. – (firner: älter)

Der Tausendsackerment!

“Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent”

 

 

1.Begriffserklärung:

  1. Literaturkritik und –Interpretation sind jede Art kommentierende, urteilende, denunzierende, werbende, auch klassifizierend-orientierte Äußerung über Literatur, d.h. was jeweils als ‚Literatur’ gilt.“ (Herbert Jaumann).
  2. Als Bezeichnung für eine Tätigkeit der Beschäftigung mit Literatur hat sich der Begriff im deutschsprachigen Raum erst im 18. Jahrhundert durchgesetzt, ebenso die Bezeichnung Rezension für das schriftliche Produkt. Zur Literaturkritik gesellen sich mit der Zeit die Theater- und Filmkritik.
  3. Der Rezensent selbst wird meist nur von den Verlagen und Autoren namentlich zur Kenntnis genommen. Merken sich darüber hinaus auch Leser der Rezensionen seinen Namen, so deshalb, weil sie nach Lektüre mehrerer Artikel entweder Vertrauen zu seinen Einschätzungen gefasst haben oder sie gleichsam als Negativbarometer nutzen, um von der gegenteiligen Bewertung eines Buches auszugehen.

 

2.Geschichte der Literaturkritik und –Interpretation

Anfang der Kritik fällt mit dem Ende der alten Regelpoetik zusammen. Regelpoetik das Instrumentarium in Berufung auf antike Poetiken, insbes. Aritstoteles. In der Renaissance hat man sich darauf stark bezogen, v. a. die Franzosen (Corneille). Seit jeher hat man sich kritisch über Dichtkunst verständigt. Modern ist im 18. Jh. nun der Umstand, dass es spezialisierte Kritiker in speziellen Zeitschriften gibt. In der Kritik werden Kriterien entwickelt, was gut und schlecht ist. Das ganze 18. Jh. ist ein Übergangsprozess von der Regelpoetik zur Kritik, was in Stufen verläuft.

 

1.Martin Opitz (1597 -1639, )

„Von der Deutschen Poeterey“: Ziel: Qualität der dichterischen Erzeugnisse zu erhöhen. Besonderes Interesse brachte Opitz dem Drama entgegen. Er versuchte sich nicht nur auf eigene dramatische Dichtungen zu focussieren.

2.Johann Christoph Gottsched (1700 -1766)

Laut Gottsched hat für ihn das nach Regeln geprüfte Urteil mehr Gewicht, und ist dem anderen vorzuziehen. Nur jemand, der die Regeln beherrscht, ist in der Lage, Kritik zu äußern. Entstehung der Regeln: Die Maßstäbe, die der Kritiker anlegen soll, bestehen aus Gesetzen und Regeln; diese seien aus der „unveränderten Natur der Dinge selbst“ abgeleitet. Mimesis. Die Gesetze für Gottsched sind durch „langwierige Erfahrungen“ und „vieles Nachsinnen“ entdeckt und gesichert worden. D.h. stammen aus der Antike.

3.Gotthold Ephraim Lessing ( 1729 – 1781)

Nach seiner Auffassung soll Kritiker seine Wertung aus seiner Empfindung heraus vornehmen. Sofern er sein Missfallen mit Gründen untermauert, ist er ein „Kunstrichter“. Dem Laien spricht er jedoch auch Kompetenz zu, die Wirkung wahrzunehmen und über das Werk zu urteilen, auch wenn sein Urteil nicht so gelehrt untermauert sein mag Es ist immer noch wichtig, die Regeln zu beachten, wichtiger ist jedoch die Wirkung. Kritiker als intellektueller Begleiter der Werke. Der Kritiker wird bei Lessing zu einem „Begleiter“, einem „Vermittler“ zwischen Text, Autor und Publikum, der nicht als Urteilsvollstrecker auftritt, sondern subjektiv Empfundenes mitteilt, was von Laien nachvollzogen werden kann; im Sinne der Aufklärung erklärt der Kritiker ihm die Wirkung, sein Urteil, macht ihn zu einem mündigen Rezepienten, macht ihn unabhängig.

4.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

,(ein Aufklärer) Lichtenberg gilt als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus. Er führte eine umfangreiche Korrespondenz mit bedeutenden Zeitgenossen, darunter Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Daniel Ramberg und Abraham Gotthelf Kästne über literarische Werke und kritisierte diese. Seine Grundlage für literarische Interpretationen war das Werk von Martin Opitz.

5.Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel (1772 – 1829)

Der Onkel Johann Elias Schlegel ist der bedeutendste deutsche Kritiker nach Lessing. Seiner Auffassung nach ist das Wissen nicht alles – so die Kurzformel der Kritik der Romantiker an der Aufklärung. Vernunft ist eine Dimension, die die Ganzheitlichkeit der Welt alleine nicht beschreiben kann. Die Literaturkritik kann man nicht richtig erfassen, wenn man ihr nicht auch poetisch und intuitiv begegnet und versucht, auch die Gefühlswelt der betrachteten Zeit nachzuempfinden. 

6.Christian Johann Heinrich Heine (1797 -1856)

Seine Kritik war an staatlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnissen in Deutschland bekannt. Sein schafer Ton und Kenntnisnahme waren an die Folgen der Industriellen Revolution (Arbeiterklasse) gerichtet. Heines Literaturkritik und Werke greifen Elemente der Romantik, Aufklärung, der Weimarer Klassik, des Realismus und des Symbolismus auf.

7.Kurt Tucholsky (1890–1935)

Seine meist marktzugewandten und kurzen Rezensionen unterscheiden sich von den ansonsten weit umfangreicheren und analytischeren Essays in der Literaturkritik. Er verfasst keine Sachverständigengutachten, sondern „ungezwungene Berichte eines Lesers […], der sich beklagt oder begeistert“. Er ist damit jener Tradition der deutschen Kritik treu, die einst Lessing begründet hat.

8.Hans Mayer (1907 -2001)

Er verteidigte Autoren wie Kafka, Proust, James Joyce und Ernst Bloch. In seinen Vorlesungen war es ihm wichtig, Literatur immer wieder daraufhin zu untersuchen, ob sie geeignet sei, Humanität zu fördern. Seine besondere Aufmerksamkeit für die Unbotmäßigen und Außenseiter wird besonders herausgehoben. Mayer war für manche junge Autoren ein wichtiger Förderer, etwa für Uwe Johnson.

9.Walter Jens (1923–2013)

Er ist bekannt als Vordenker, gesellschaftskritischer Beobachter und Meister des geschliffenen Wortes. Jens engagierte sich in den frühen 80er-Jahren in der Friedensbewegung gegen NATO. Zusammen mit bekannten Schriftstellern wie Heinrich Böll sowie Theologen beteiligte er sich 1983 an der “Prominentenblockade” am Pershing-Depot in Mutlangen.In den 90er-Jahren versteckte Jens während des zweiten Golfkrieges desertierte US-Soldaten in seinem Haus. Ab 1989 war Jens Mitherausgeber der Monatszeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik”.

10.Marcel Reich-Ranicki (1920–2013)

Dass Reich-Ranicki der erfolgreichste, bedeutendste Literaturkritiker der Nachkriegszeit ist, steht außer Zweifel. Wie niemand sonst hat er seit über dreißig Jahren das literarische Leben mit geprägt – genauer: seit 1958, als er in die Bundesrepublik reiste und nicht mehr nach Polen zurückkehrte. Einer der Gründe für diesen Erfolg ist die oft provozierende, für Überraschungseffekte allemal gute Respektlosigkeit im kritischen Umgang mit anerkannten Autoritäten. Allen Publikationen ist er ein “Kritiker” im emphatischen Sinn des Wortes: ein engagierter Verteidiger der Kritik gegenüber allen, denen diese genuin aufklärerische Tätigkeit suspekt ist. Auch darin ist seine Reaktion auf Goethes Gedicht typisch.

 

3.Literaturrezensionen im Internet:

Eine vergleichsweise neue Spielart der Publikation von Rezensionen bietet das Internet. So haben die meisten Zeitungen, Zeitschriften und Magazine auch Online-Redaktionen eingerichtet und veröffentlichen dort ihre Artikel oft sogar schon vor Drucklegung ihrer Printmedien und ohne die Autoren dafür gesondert zu honorieren. Finanziell getragen werden diese Online-Ausgaben, wie auch die Printausgaben, von Werbeanzeigen bzw. Werbebannern. Dennoch muss des Öfteren für das Abrufen der in Datenbanken archivierten älteren Artikel bezahlt werden.